Reportage: Es gibt keine halben Wissenschaftler

Der Tag beginnt für Anja um Neun Uhr, wo sie mich am Eingang der riesigen Halle abholt, in der die Experimente stattfinden. „Du kannst mich gerne Anja nennen“, schiebt sie der Begrüßung nach. Wissenschaftler sind eben direkt in ihrer Art. Das zeigt sich auch auf dem Weg zu ihrem Büro, denn innerhalb von nur drei Minuten erklärt sie, was sie täglich antreibt. So lassen sich am DESY atomare Strukturen von Metallen, Halbleitern oder organischen Stoffen bestimmen. Anja hat sich dabei auf letzteres spezialisiert, weshalb an ihrem Messplatz Enzyme, Viren und anderen biologischen Proben erforscht werden. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten in der Medizin, denn wenn die Struktur bekannt ist, lassen sich Enzyme künstlich herstellen und Viren besser bekämpfen. Demnach ist Anja täglich im Auftrag der Medizin unterwegs, auch wenn sie keinen Arztkittel trägt. Viel mehr hat die dynamische 35-jährige Hemd, Jeans und knallrote Turnschuhe an. Das Alter nimmt man ihr nur schwer ab, sie wirkt in ihrem Outfit eher wie Mitte Zwanzig. Vielleicht hält auch die viele Bewegung jung, denn Anja ist ständig auf den Beinen. Im Büro stellt sie lediglich ihren Rucksack ab, zieht einen Kaffee aus der Pad-Maschine und schon geht es mit der Tasse in der Hand auf den Weg nach unten, zur Experimente-Halle. Allzu weit kommt sie jedoch nicht, denn im Flur trifft sie einen Kollegen. Beide besprechen sich kurz über die geplanten Arbeiten an der Anlage. Ebenfalls kommt sie nicht an der offenen Bürotür eines Kollegen vorbei, ohne ein paar Worte zu wechseln. Kommunikation ist an solch einer Anlage sehr wichtig, damit alle wissen, was los ist. Nur so kann jeder aus der Gruppe seine Ideen einbringen.

Nachdem alle Kollegen gegrüßt sind, geht es im Treppenhaus zwei Stockwerke nach unten.. Dort führt eine unscheinbare Glastür in die Halle von PETRA III. Hinter der Tür wartet eine andere Welt. Man betritt eine Halle, in der überall offen verlegte Rohre der Lüftungsanlage laufen. Dazu noch unzählige Versorgungsleitungen für die Labore. Volle Kabeltrassen bringen Strom und Daten zu den Anlagen der Forscher. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine lang gezogene Werkshalle. Allerdings fehlt der typisch süßliche Geruch von Schmieröl. Grund dafür ist die Lüftungsanlage, die unablässig frische Luft in die Halle bläst. Außerdem ist die gesamte Anlage klimatisiert, da schwankende Temperaturen die Messungen verfälschen würden.
Auf dem Weg durch die Halle erklärt Anja die Funktionsweise von PETRA III, dem Beschleuniger an dem sie arbeitet. Hier werden Elektronen durch elektrische Felder auf sehr hohe Geschwindigkeiten gebracht, um sie innerhalb der Messhalle abzubremsen. Wie beim Bremsen eines Autos wird dabei Energie frei, jedoch nicht als Wärme, sondern als Röntgenstrahlung. Diese fällt auf eine Probe, die halb so groß ist wie die Dicke eines Haares. An den Atomen der Struktur wird die Strahlung gebeugt, wie Licht in Wasser. Ein Detektor der Größe eines Kühlschranks nimmt das entstehende Muster auf. Daraus lässt sich per Computer die Struktur der Probe bestimmen.

Für eigene Messungen bleibt Anja allerdings kaum Zeit, denn als Beamline-Managerin ist die ständige Verbesserung der Anlage ihr Hauptanliegen. Dabei gilt es Fehlfunktionen zu beseitigen, die zu manchem spektakulären Unfall führen. „Letzte Woche ist Harri richtig heftig gecrashed. Ich war ganz geschockt und hab gleich Fotos gemacht.“ Harri ist ein Roboterarm, der die Proben tauscht, da sich während der Messung niemand am Experiment aufhalten darf. Daher kam auch keine Person zu schaden, nur eben Harri. Dieser hatte den Probenbehälter verpasst und die stählerne Tischplatte gerammt. Der Totalschaden am Greifer konnte behoben werden, da das DESY eigene Werkstätten besitzt. Dort haben die Mechaniker kurzerhand einen neuen Greifer gebaut, weshalb die Anlage mittlerweile wieder voll einsatzbereit ist. Daher hat sich heute ab 17 Uhr eine externe Forschergruppe angemeldet. Für Anja heißt das erst einmal aufräumen. Alle nicht benötigten Werkzeuge wandern in beschriftete Schubladen. Nicht mehr benötigte Proben bringt sie in einen Laborraum. Anschließend stellt sie die Anlage auf die Wünsche der Wissenschaftler ein, die vorab per E-Mail übermittelt wurden. Zwischendurch ist dann noch Zeit für eine Mittagspause mit Kollegen. Außerdem hat sich eine Studenten-Gruppe angemeldet, die Anja durch das Experiment führt und geduldig alle Fragen beantwortet. Bis die Forscher eintreffen bleibt noch etwas Zeit, für ein paar Probe-Messungen. Ein letztes Mal ändert Anja am Steuer-Computer die Einstellungen. Zufrieden nickt sie, die Messungen können beginnen. Wenig später stehen auch schon die Nutzer vor der Tür des Kontrollraums. Nach der Begrüßung beginnt Anja den Leuten das Experiment zu erklären. Nach fünf Sätzen hält sie plötzlich inne und fragt: „Ist das in Deutsch für euch in Ordnung?“ Einer der Wissenschaftler antwortet in gebrochenem Deutsch, es sei kein Problem. Trotzdem steigt Anja auf Englisch um. Sie ist es ohnehin gewohnt auf Englisch zu sprechen. Viele Gruppen kommen aus dem Ausland, manche sogar aus den USA. Dabei bewerben sich die Forscher um Messzeit am DESY. Da die Kapazität bei Weitem nicht für alle Anfragen ausreicht, entscheidet ein Ausschuss über die Projekte. Das macht Messzeit zu etwas Wertvollem. Die Wissenschaftler wollen jede Minute nutzen. Anja ist dafür verantwortlich, dass die Anlage läuft. Rund um die Uhr. „Manche Leute kennen da nichts, die rufen auch um vier Uhr morgens an, wenn sich eine Schraube gelockert hat,“ erzählt Anja. Für sie heißt es dann: eine Lösung finden. Ist ein Kollege noch im Büro? Erreicht sie einen der Techniker? Im Notfall aber springt sie auf ihr Fahrrad und fährt zum DESY. Das trübt ihre Begeisterung für die Forschung aber keineswegs. Mit glänzenden Augen erzählt sie, dass sie am Wochenende selbst messen darf. Anja ist eben Wissenschaftlerin mit Haut und Haaren, nicht halb sondern ganz.