Mr. Triple-B: Die Invasion

Die Invasionsarmee von Mr. Triple-BAlexander liebt sein tristes Leben als Software-Entwickler. Keine Action, kein Sex and Crime, der Alltag ist gut planbar. Allerdings endet dieses Leben abrupt, als ihn seine neue Kollegin entführt. Sie bringt ihn zum ominösen Mr. Triple-B, der ihn kurzerhand zum Meister-Spion erklärt. Darauf überschlagen sich die Ereignisse. Alexander besucht den Maulwurf im Zentrum der Macht, er wird ins Management befördert und Felix warnt ihn unablässig vor der Zukunft. Zurecht, wie sich bald herausstellt. Alexander gerät zwischen die Fronten. Sein Leben wird vom Traum zum Alptraum.

Das Buch ist im Verlag Twentysix als gedruckte Ausgabe sowie als eBook erschienen.

Gedruckte Version (ISBN: 978-3-7407-3128-1)
• eBook (ISBN: 978-3-7407-1878-7) als ePUB oder Kindle-Edition

 

 

Hintergründe zur Entstehung

Wer sich für ein paar Hintergrundinformationen über die Entstehung meines zweiten Buchs interessiert, ist hier genau richtig. Dabei wird sicherlich die eine oder andere interessante Information über die Arbeit eines Schriftstellers versteckt sein. Zumindest hoffe ich euch einen kleinen Einblick in die Entstehung des Buchs geben zu können.

Zunächst begann mein Buch mit einem Literaturwettbewerb. Thema war dabei: Die Macht, mit allem was dazu gehört. So machte ich mich daran eine Geschichte zu schreiben, bei der ich hinterfragte, was der Begriff 'Macht' überhaupt bedeutete. Dazu schickte ich den (noch namenlosen) Hauptcharakter in den Maulwurfshügel. Nach einem langen und gefährlichen Weg erreichte er schließlich das Ziel. Er unterhielt sich einige Zeit mit dem Maulwurf, der als mächtigster Mensch der Welt galt. Mit neuen Eindrücken kehrte er schließlich zurück in seine Welt.

Leider gewann ich mit meiner Geschichte keinen Preis, vermutlich da sie eher zum Nachdenken anregen sollte, als zu Unterhalten wusste. So blieb sie lange Zeit auf meiner Festplatte liegen, ohne weiter beachtet zu werden. Allerdings gefiel mir der Inhalt so sehr, dass ich mein Werk unbedingt weiter verwerten wollte. Mir kam also in den Sinn, ein Buch um diese Geschichte herum zu schreiben. Dafür hatte ich auch schon einige Ideen für weitere Dialoge mit dem Maulwurf. Mein Problem war nur, dass aus Dialogen alleine noch kein gutes Buch wird.

Vom Agenten- und Sience-Fiction-Genre angeregt entwickelte ich schließlich die Geschichte vom gewöhnlichen Programmierer, der vom Chef über eine anstehende Beförderung informiert wurde. Sein Vorgesetzter versprach Alexander, dass er bei seiner neuen Arbeitsstelle viel mehr Macht besitzen würde. Nur stellte sich die Frage, was es denn überhaupt mit dieser "Macht" auf sich hatte und ob es sich dafür wirklich lohnte sein gewohntes Leben auf zu geben.

 

Auszug aus Kapitel 1

»Hey Alex, was macht das Arschloch in dir?« eröffnete Felix das Gespräch.

Ich war seine direkte Art zwar gewohnt, doch diese Frage konnte ich nur mit einem verdutzten Blick erwidern.

»Ja, ich meine das ernst. Du solltest das Arschloch in dir ein bisschen besser pflegen.«

»Was zum Geier meinst du damit? Ich bin eigentlich ganz froh, von den Leuten nicht als Arschloch bezeichnet zu werden«, verteidigte ich mich.

»Genau darum geht es. Du bist ein wenig zu brav. Zumindest für das, was in nächster Zeit auf dich wartet.«

»Ich wüsste nicht, was das sein soll. Du könntest ruhig ein wenig deutlicher werden.«

»Nein, lieber nicht, manchmal ist es besser, man weiß nicht, was auf einen zukommt. Nur soviel: Achte bei den großen Entscheidungen mehr auf dich und lass dich nicht davon beeinflussen, was die Anderen von dir erwarten. Sei einfach mal richtig egoistisch. Nicht immer, aber du wirst wissen wann es notwendig ist.«

Mit diesem rätselhaften Hinweis verabschiedete sich Felix und verschwand genauso schnell wie er aufgetaucht war. Perplex stand ich im Flur, wobei mir tausend Fragen in den Kopf schossen. Was wollte mir Felix sagen? Warum war er mir überhaupt begegnet? Wieso stand ich überhaupt hier auf dem Flur? Schnell schüttelte ich die Unsicherheit ab und holte mir einen Kaffee aus dem Automaten. Zurück im Büro stellte ich den Becher auf den Schreibtisch. Direkt neben den ersten Becher, der noch gut gefüllt war. Nein, einen Kaffee wollte ich mir definitiv nicht holen. Das fiel auch Karin auf, die von ihrem Bildschirm aufschaute.

»Na Alexander, du scheinst heute ja noch ganz schön was vor zu haben, wenn du so viel Kaffee bunkerst«, meinte sie mit einem Grinsen.

»Klar, unser Zeitplan ist sehr eng, da möchte ich heute auf jeden Fall noch einen großen Schritt nach vorne machen«, erklärte ich.

Dabei überspielte ich gekonnt meine Unsicherheit.

»Ob viel Kaffee da der richtige Weg ist, wage ich ja zu bezweifeln. Jetzt warst du schon eben auf Toilette und nach den zwei Tassen musst du sicher gleich wieder«, mischte sich Claus in das Gespräch ein.

»Das könnte schon passieren, doch solche Probleme kannst du ruhig mir überlassen, ich werde sie schon irgendwie lösen können«, beendete ich das Gespräch.

Eigentlich war ich ganz dankbar, dass mich Claus daran erinnerte, weshalb ich das Büro verlassen hatte. Allerdings wollte ich mir eine Diskussion mit ihm ersparen, da er ohnehin immer behauptete alles besser zu wissen. Nachdem sich Karin und Claus wieder ihre Bildschirmen zugewandt hatten, machte auch ich mich wieder an die Arbeit. Weit kam ich dabei jedoch nicht, denn schon nach kurzer Zeit unterbrach mich das Telefon. Nach einem kurzen Monolog von meinem Chef schaute ich verblüfft auf den Hörer.

»Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als hättest du gerade mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten gesprochen«, kommentierte Claus meine offensichtliche Verwunderung.

»Du bist ganz nahe an der Wahrheit. Herr Berlaid hat gerade angerufen. Er will mich dringend sprechen. Keine Ahnung um was es geht, aber ich mache mich lieber mal auf den Weg.«

Ich legte den Hörer zurück auf seinen Platz und ging wie mechanisch zur Türe. So wirklich hatte ich noch nicht realisiert, was hier vor sich ging. Nur wusste ich, dass es eine schlechte Idee war den Chef warten zu lassen. Daher stand ich keine fünf Minuten später bereits acht Stockwerke und drei Flure weiter in der Tür seiner Sekretärin. Gerade als ich mich ordnungsgemäß anmelden wollte, trat ein gut gelaunter Herr Berlaid aus seinem Büro. Er strecke mir die Hand zum Gruß entgegen und wechselte drei Worte mit seiner Vorzimmerdame, während ich in sein Büro trat. Ich folgte seiner Aufforderung, mich zu setzen, wobei ich immer noch nicht realisiert hatte, was hier gerade vor sich ging. Eigentlich passte mir das gut, denn so blieb jegliche Nervosität aus. Herr Berlaid schien das aber ohnehin nicht zu beachten, denn er stieg mit besänftigenden Worten in das Gespräch ein.

»Zunächst möchte ich Sie beruhigen, Herr Thiersen. Solch spontane Termine bedeuten zwar häufig negative Nachrichten, bei Ihnen ist dies jedoch nicht der Fall«, eröffnete er das Gespräch.

»Danke für diese Zusicherung, Sie beseitigen damit tatsächlich letzte Zweifel. Nun können Sie sich jedoch sicherlich vorstellen, dass mich der Grund für unser Treffen stark interessiert.«

»Natürlich und den sollen Sie auch erfahren, Herr Thiersen. Ich möchte heute mit Ihnen über eine mögliche Beförderung sprechen.«

»Eine Beförderung?« brach es aus mir heraus. Zur Erklärung schob ich eine Frage hinter her: »Ist das so geheim, dass solch ein kurzfristiges Treffen notwendig ist?«

»Eine gute Frage, die ich ganz klar mit 'Ja' beantworten kann. Wann immer Stellen im Management vergeben werden, ist die größtmögliche Geheimhaltung vorgeschrieben. Wenn Sie die Stelle antreten, werden Sie genauer darüber informiert werden, auch über die Gründe dieser Regelung«, eröffnete mir mein Chef.

»Wie ich sehe, soll es für mich hoch hinausgehen. Um welche Stelle handelt es denn konkret?« wollte ich wissen.

»Es geht um eine Stelle im mittleren Management. Salopp gesagt werden Sie Vorgesetzter meiner Position.«

»Das kann man wohl als einen ganz ordentlichen Aufstieg bezeichnen. Was verschafft mir denn die Ehre, diesen Posten angeboten zu bekommen?«

»Nun, Sie sind ein zuverlässiger und belastbarer Mitarbeiter, der seine Aufgaben immer zu meiner vollen Zufriedenheit erledigt hat. Daher habe ich ganz klar Sie für diese Stelle empfohlen«, versicherte mir mein Gegenüber.

Allerdings kamen mir seine Worte verdächtig vor, denn immer wenn er seine Mitarbeiter in hohen Tönen lobte, führte mein Vorgesetzter etwas im Schilde. Daher versuchte ich Ihm ein paar zusätzliche Informationen zu entlocken.

»Ihr Lob ehrt mich und ebenso bin ich erfreut, solch eine Stelle angeboten zu bekommen. Doch auch wenn ich mich in die Gefahr begebe, als unverschämt neugierig zu gelten, würde mich noch interessieren, warum Sie nicht selbst für diese Stelle vorgesehen sind.«

»Keine Sorge, wir sind hier, um genau solche Fragen zu klären. Mit Ihrem Aufstieg werden noch andere Personen auf der Karriereleiter nach oben klettern. So ist angedacht, dass auch ich innerhalb der Führungsebene aufsteige. Ich wäre dann als Mitglied des Vorstands weiterhin ihr Vorgesetzter. Daher würde es mich sehr freuen, wenn Sie diese Stelle antreten, da ich unsere gute Zusammenarbeit gerne weiterführen möchte.«

»Danke für ihre Offenheit, Herr Berlaid. Jetzt verstehe ich, warum Sie mich für diese Position vorgeschlagen haben. Allerdings sollte ich für eine endgültige Entscheidung noch wissen, welche Aufgaben mich im Management erwarten.«

»Zunächst kann ich Ihnen versichern, dass Sie adäquate Möglichkeiten zur Einarbeitung angeboten bekommen. Ebenso sind Sorgen bezüglich der Anforderungen nicht angebracht. Immerhin habe ich Sie vorgeschlagen, da ich der festen Überzeugung bin, dass Sie der geeignete Mann für diese Aufgabe sind«, ermutigte mich mein Chef mit einem freundlichen Lächeln.

Mir kam die ausweichende Antwort von Herrn Berlaid seltsam vor. So versuchte ich noch ein paar Informationen mehr zu bekommen.

»Selbstverständlich bewerte ich die von Ihnen vorgebrachten Punkte sehr hoch. Darüber hinaus möchte ich mir dennoch gerne selbst einen ersten Eindruck von den anstehenden Herausforderungen machen.«

»Eben diese Sorgfalt und der damit verbundene Drang Risiken zu minimieren schätze ich sehr an Ihnen, Herr Thiersen. Um ehrlich zu sein, hatte ich solch eine Anfrage erwartet. Herr Dr. Swanbal, der die Position aktuell begleitet, erklärte sich bereit, Ihnen nächste Woche genaue Einblicke in seine Arbeit zu gewähren. Wenn es für Sie in Ordnung ist, leite ich Ihnen den Termin weiter. Dort sind dann auch alle weiteren Informationen hinterlegt, die Sie wissen müssen.«

Ich zögerte kurz, denn irgendwie ging mir das Alles viel zu schnell. Heute noch normaler Software-Entwickler und nächste Woche im Management. Allerdings kannte ich auch die Spielchen der hohen Herren. Würde ich den Termin absagen, hätte ich nächsten Monat keinen Job mehr. Da diese Aussicht nicht wirklich zu einer Ausschüttung von Glückshormonen bei mir führte, nahm ich das Angebot an.

»Sehr gut, ich wusste, Sie würden mich nicht im Stich lassen. Ich werde Ihnen dann gleich den Termin per E-Mail schicken. Bitte achten Sie darauf, dass niemand von diesem Treffen erfährt. Generell haben Sie absolutes Stillschweigen über Ihren anstehenden Aufstieg zu wahren«, klärte mich Herr Berlaid auf, bevor er sich von mir verabschiedete.

Noch im Vorzimmer, kamen mir die Worte von Felix wieder in den Sinn. Das war wohl die große Entscheidung von der er gesprochen hatte. Ja, als Arschloch würde ich Herr Berlaid einfach abblitzen lassen und das Angebot ablehnen. Nur, hatte ich diese Wahl überhaupt? Als einfacher Angestellter war ich ohnehin nur ein Bauer im Schachspiel der Mächtigen. Damit hatte ich mich jetzt schon seit vielen Jahren abgefunden. Warum eigentlich? Vielleicht war es endlich an der Zeit aus dem Schachspiel auszusteigen. Offen blieb nur die Frage, was danach kam. Bei einem anderen Unternehmen anzufangen und sich wieder als Spielfigur der Mächtigen zu verdingen? Das war auch keine Lösung. Nein, ich wollte den Job im Management nicht. Ich wollte mein einfaches, gemütliches, langweiliges Leben als Software-Entwickler behalten. Mein Leben in dem ich kaum Erfahrungen mit 'Sex and Crime' machte, weil ich mich von Gewalt so gut es ging fern hielt und sich Frauen so gut es ging von mir fern hielten. Genau dieses triste Leben hatte ich lieb gewonnen. Genau dieses triste Leben sollte jetzt umgekrempelt werden. Genau das wollte ich nicht. Blieb nur noch die Frage offen, wie ich aus der Nummer ohne Schaden heraus kommen konnte. Das Arschloch in mir zu pflegen mochte dabei hilfreich sein, es ist aber definitiv nur ein Teil der Lösung. Wie ich den anderen Teil finden konnte, das wusste ich beim besten Willen nicht. Vor allem, weil ich mit niemandem über die anstehende Beförderung reden durfte. Genau das wurde jetzt zum Problem, weil ich mittlerweile vor meiner Bürotür stand. Gerade als ich die Klinke hinunter drückte, kam mir in den Sinn, wie ich den Besuch beim Chef begründen könnte.

»Puhh, das war vielleicht ein sinnloser Termin«, ließ ich auf der anderen Seite der Türe verlauten.

»Warum, was war den los?« fragte Claus.

»Ach, es war das übliche Gerede. Ich wäre ein ganz hervorragender Mitarbeiter und würde positiv unter allen anderen auffallen. Ich solle doch auf alle Fälle so weiter machen und er würde sich für einen Bonus einsetzen. Warum er genau jetzt darauf kam, mich so zu loben weiß ich nicht. Vermutlich war es eine Motivationsrede, wie sie jeder Mitarbeiter irgendwann über sich ergehen lassen muss«, gab ich als Inhalt des Gespräches vor.

»Also ich würde mich freuen, wenn der Chef mich persönlich lobt. Das ist ja schon was Besonderes«, verkündete Karin.

»Mag sein, nur halte ich es für unfair, dass lediglich ich für einen Bonus bekommen soll. Wir arbeiten als Team und ihr macht eure Arbeit mindestens genauso gut wie ich. Außerdem muss ich beim Chef immer so geschwollen reden, da hab ich echt keine Lust drauf«, gab ich zu bedenken.

»Weißt du Alexander, genau die beiden Eigenschaften haben dir wohl das Lob eingebracht. Du kannst du dich gut ausdrücken und bist ein sehr fleißiger Kerl«, lobte Karin meinen Einsatzeifer und schob noch eine Erklärung hinter her: »Ich kann mich an sehr viele Tage erinnern, an denen ich länger als üblich im Büro geblieben bin. Deinen Feierabend habe ich trotzdem nicht miterlebt.«

»Bevor ich ein Problem nach Hause trage und dann die ganze Nacht nicht ruhig schlafen kann, arbeite ich eben ein wenig länger, um es zu lösen. So würden sicherlich viele Mitarbeiter handeln. Warum also sollte ich ein explizites Lob verdient haben?« fragte ich in die Runde.

»Ganz einfach, während ich vier Wochen brauche, bis meine Programme einwandfrei laufen, bis du in zwei Wochen fertig. Ich kann mir schon vorstellen, dass so etwas dem Chef gefällt.«

»Ich würde als Chef aber auch die Familienverhältnisse meiner Mitarbeiter berücksichtigen. Da du Zuhause von Mann und Kindern beansprucht wirst, bist du in der Abendgestaltung festgelegt«, erklärte ich Karin meine Position.

»Ja, du würdest das tun. Darum bist du aber auch kein Chef und vielleicht ist das auch ganz gut so«, mischte sich Claus wieder in das Gespräch ein.

»Das ist wohl wahr. Es ist einer der Gründe, warum ich kein Chef bin und auch kein Chef sein möchte. Ärgerlich ist dann nur, wenn einem ein entsprechender Posten angeboten wird.«

»Hey Alexander, erst gibt es ein Bonus, dann gleich einen Chef-Posten, was kommt als nächstes?« witzelte Claus.

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich mich verplappert hatte. Von meiner Beförderung durfte schließlich niemand etwas wissen. Daher versuchte ich das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

»Mir ging es nicht um ein konkretes Angebot. Ich hab mich nur gefragt, was passieren würde wenn ich so einen Posten angeboten bekäme.«

»Naja, du bist schon ein angenehmer Kollege. Zum Chef würde dir noch ein wenig mehr Arschloch in dir fehlen«, gab Claus seine Einschätzung zum Besten.

»Erst Felix, jetzt auch noch du, scheinbar sollte ich tatsächlich an meinem Ego arbeiten«, kommentierte ich diese Aussage.

»Felix? Du meinst diesen Physiker aus der Hardware-Abteilung drüben im Neubau?« wollte Karin wissen.

»Genau diesen Felix traf ich neulich auf dem Flur. Dabei hat er mir genau das Selbe erzählt wie Claus gerade«, antwortete ich.

»Das ist ja spannend. Vor allem wo wir uns gar nicht abgesprochen hatten. Da fällt mir ein: Woher kennst du Felix eigentlich?« fragte Claus.

»Ich kennen ihn von einem Workshop, den wir letztes Jahr gemeinsam bestritten. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und tun das bis heute noch«, klärte ich meine Kollegen auf.

»Ich kenne ein paar Leute aus der Hardware-Abteilung. Die sind eigentlich alle sehr umgänglich«, brachte sich Karin in das Gespräch ein.

»Das glaube ich gerne, ich bereue die Teilnahme an dem Seminar überhaupt nicht«, schloss ich unser Gespräch ab.

Gerade als ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden wollte, kam die versprochene E-Mail von Herrn Berlaid. Das Treffen mit Herr Dr. Swanbal aus dem Management sollte schon Dienstag nächster Woche statt finden. Mir blieb also nicht mehr viel Zeit, eine Strategie zu überlegen, wie ich die Beförderung ausschlagen konnte, ohne meinen Job zu verlieren. Kein einfaches Unterfangen, vor allem, weil ich nebenbei noch meine eigentliche Arbeit machen musste. In diese war ich auch bald so vertieft, dass ich gar nicht bemerkte, wie die Zeit verging. Plötzlich wurde ich aus meiner Konzentration gerissen, als mich Karin ansprach.

»Wir würden jetzt zum Mittagessen in die Kantine gehen. Kommst du mit?«

»Geht gerne schon mal vor. Ich will erst noch diesen Block hier fertig stellen. Wenn ich jetzt eine Pause mache, muss ich mich anschließend neu eindenken.«

»Aber nur, wenn du versprichst, morgen wieder mit zu kommen«, sagte Claus in trotzigem Ton.

»Das ist in Ordnung, mit dieser Bedingung kann ich leben«, gab ich zurück.

Schon widmete ich meine ganze Aufmerksamkeit wieder dem Bildschirm. Erst als meine Kollegen bereits aus der Pause zurück waren, stellte sich bei mir der gewünschte Fortschritt ein.

»Puh, das war länger als ich dachte. Jetzt wird es aber höchste Zeit, dass ich in die Kantine gehe«, ließ ich verlauten.

»Das würde ich auch sagen. Du musst dich sowieso beeilen, sonst hat die Kantine zu, bis du kommst«, gab Karin zu bedenken.

Ohne den Kommentar aufzunehmen machte ich mich auf den Weg durch das Gebäude. Die Auswahl an Gerichten war mittlerweile zwar stark eingeschränkt, ein Teller Würstchen mit Kartoffelsalat konnte ich jedoch noch ergattern. Außerdem hatte ich zu dieser Zeit kein Problem einen freien Platz zu finden, da in der Kantine nicht mehr allzu viel los war. So setzte ich mich an einen Fensterplatz. Ich ließ den Blick über die Dächer der Stadt schweifen und nahm, in Gedanken versunken, ein paar Gabeln meines Essens zu mir. Allzu lange blieb ich jedoch nicht allein, denn wortlos setzte sich jemand neben mich. Ich nahm ihn zunächst nur beiläufig wahr, zu sehr kreisten meine Gedanken um die Herausforderungen bei der Arbeit. Erst als er mich ansprach, wurde mir klar, wer sich neben mich gesetzt hatte.

»Was macht das Leben, das Universum und der ganze Rest?« eröffnete Felix das Gespräch.

»Felix?« brach die Verwunderung aus mir heraus. »Was machst du den hier?« schob ich noch hinterher.

»Ich bin hier aus dem selben Grund wie du: Zur Nahrungsaufnahme«, erklärte Felix platt.

Ich musste erst meine Verwunderung abschütteln, bevor ich einen sinnvollen Gedanken fassen konnte.

»Nein, das meinte ich nicht. Eigentlich bin ich einfach nur verwundert wie oft wir uns heute getroffen haben. Heute morgen auf dem Flur und jetzt in der Kantine. Es scheint fast, als würdest du mich verfolgen.«

»Vielleicht tue ich das«, meinte Felix mit einem zweideutigen Lächeln.

Ich wusste nicht so recht, was ich darauf antworten sollte. Auf der einen Seite rief der Gedanke verfolgt zu werden, Unbehagen bei mir hervor. Auf der anderen Seite musste Felix einen guten Grund für so ein Verhalten haben. Vermutlich war es aber einfach nur Zufall, dass wir uns heute so oft begegnet waren. Bevor ich nach einer passenden Reaktion suchen konnte, führte Felix das Gespräch fort.

»Weißt du, ob ich dich verfolge oder nicht spielt eigentlich keine Rolle. Viel wichtiger ist, was bei dir passiert. Wie war deine Unterredung mit Herr Berlaid?«

»Jetzt wirst du mir aber unheimlich. Woher weißt du davon?«

»Das ist einfach: Seine Sekretärin hat es geschafft ihren Rechner zu schrotten. Das passiert bei der des Öfteren. Als du aus dem Raum kamst, lag ich gerade unter dem Schreibtisch und hab den neuen PC angeschlossen.«

»Gibt es eigentlich irgend etwas in diesem Unternehmen, dass du nicht mitbekommst?« wollte ich wissen.

»Mit Sicherheit, nur darfst du mich danach nicht fragen, denn davon weiß ich ja nichts«, erklärte mir Felix mit einem breiten Grinsen.

»Die Sache mit meiner Beförderung hast du aber sicher schon erfahren?«

»Das wusste ich schon vor einiger Zeit. Der Swanbal hat unterwegs sein Notebook fallen lassen. Da musste ich die Daten auf den neuen Rechner überspielen. Dabei bin ich auf die Information gestoßen.«

»Wo du ohnehin schon davon weißt, würde mich interessieren, wie du über dem Vorschlag denkst.«

»Ich halte nichts davon«, war die knappe Antwort von Felix.

»Dürfte ich erfahren warum nicht?« setzte ich nach.

»Ganz einfach: Für solch einen Job liebst du deine Freizeit zu sehr. Außerdem liegt deine Begabung im Programmieren, nicht darin irgendwelche Zahlen hin und her zu schieben.«

»Wow, Felix, ich hätte nicht gedacht, dass du mich schon so gut kennst. Ich habe nämlich wirklich kein Bock auf die Stelle. Nur werden sie mich rauswerfen, sollte ich ablehnen«, brachte ich meine Sorgen zum Ausdruck.

»Es ist ein scheiß Gefühl, sich wie der Spielball des Managements zu fühlen«, brachte Felix meine Situation auf den Punkt.

»Das stimmt wohl. In den Augen der Mächtigen bin ich nur eine Figur, mit der sie machen können, was sie wollen.«

»Nun, du lässt mit dir ja auch alles machen. Vielleicht solltest du etwas rebellischer werden.«

»Mich gegen den Willen der Manager zu stellen und die Mächtigen zu verärgern wäre für meine Karriere sicherlich nicht zuträglich.«

»Na und? Wenn du mit deinem Leben zufrieden bist, brauchst du keinen beruflichen Aufstieg mehr. Wovor hast du denn Angst? Vor der Macht der Mächtigen? Selbst der Vorstand hat nur begrenzt Macht«, führte Felix seine Sicht der Dinge aus.

»In jedem Fall reicht ihre Macht bis zu mir. Sollte ich immerzu meinem Chef widersprechen, so wir er mir das Leben zumindest sehr schwer machen. Er kann mich ohne Weiteres in eine andere Abteilung versetzten oder mich nur in die schwierigsten Projekten stecken. Er hat also durchaus Macht über mich.«

»Zumindest wenn du das als Macht bezeichnen magst.«

»Was soll es denn sonst sein?« fragte ich irritiert.

»Das ist hier nicht die Frage«, antwortete Felix.

»Warum denn nicht? Was soll denn sonst die Frage sein?«

»Ganz einfach, die Frage lautet: Was ist Macht?« klärte mich Felix auf.

»Jetzt hast du mich tatsächlich kalt erwischt«, musste ich zugeben, »Über diese Frage habe ich bisher noch gar nicht nach gedacht.«

»Das solltest du zügig nachholen. Es wird dir helfen standhaft zu bleiben, wenn die Stunde der Entscheidung gekommen ist.«

»Bis dahin wird mir Herr Dr. Swanbal seine Aufgaben im Unternehmen vorstellen«, klärte ich mein Gegenüber auf.

»Na dann viel Spaß, der Kerl ist eine echte Schlaftablette. Nach Möglichkeit würde ich den Termin sowieso absagen. Irgendeine Ausrede wird dir sicher einfallen«, riet mir Felix.

»Der Zug ist wohl abgefahren, ich habe bereits zugesagt.«

»Vielleicht ist es gar nicht schlecht für dich ein wenig Manager-Luft zu atmen. Genieße den Ausblick von dort oben, du wirst nicht oft die Chance dazu haben.«

»Außer ich finde den Job doch ganz attraktiv und nehme das Angebot an«, meinte ich mit einem verschmitzten Lächeln.

»Eher friert die Hölle«, kommentierte Felix spitz meine Aussage.

Anschließend stand er auf, um sich zu verabschieden.

»Ich würge das Gespräch ungern ab, aber ich muss heute noch ein paar Rechner zusammenbauen.«

Er schnappte sich seinen Teller und verschwand im irgendwo. Ich blickte ihm nach und fragte mich, wie er so schnell aus meinem Blickfeld verschwinden konnte. Überdeckt wurde meine Verwunderung jedoch von einer Frage: Was ist Macht? Dieser wollte ich auf jeden Fall nachgehen. Immerhin konnte sie auch meine Einstellung zum Job im Management beeinflussen. Immerhin sollten Manager mehr Macht besitzen als die normalen Angestellten. Nur, worin zeigte sich das? Vielleicht konnte ich bei Dr. Swanbal erste Hinweise auf die Antwort bekommen. Tatsächlich stellte sich in diesem Moment eine gewisse Vorfreude auf dem Termin ein. Ob Schlaftablette oder nicht, ich musste mir auf jeden Fall ein paar gute Fragen ausdenken. Außerdem musste ich mir noch eine Begründung ausdenken, warum ich nächste Woche einen ganzen Tag nicht im Büro sein würde. Wobei das die kleinste Herausforderung war.

»Ach ja, während ihr in der Kantine eure Pause genossen habt, bekam ich noch einen Anruf vom Chef. Ich soll Dienstag an einem ganztägigen Workshop teilnehmen«, schob ich im Büro als Begründung für meine anstehende Abwesenheit vor.

»Vielleicht war das der Grund für sein Lob vorhin«, kommentierte Claus.

»Bestimmt, nach so vielen ermutigenden Worten kann man ja schwer ablehnen«, pflichtete Karin bei.

»Kann gut sein, bei unseren Zeitplan würde ich den Workshop wirklich gerne verschieben. Nur würde ich mich damit sicher ziemlich unbeliebt beim Chef machen«, schloss ich das Gespräch ab.

In den nächsten Tagen nutzte ich jede freie Minute, um mich auf das Treffen mit Herr Dr. Swanbal vorzubereiten. Jede Idee und jede Frage tippte ich sofort in meine Notizen-App. So machte ich mich am Dienstag gut gelaunt auf den Weg zu meinem Chef. Dieser erwartete mich bereits auf dem Flur.

»Sehr schön, Herr Thiersen, ich wusste sie würden pünktlich erscheinen. Herr Dr. Swanbal hat sein Büro im Neubau. Lassen Sie uns gleich aufbrechen, er erwartet Sie bereits.«

Ich folgte Herr Berlaid den Flur entlang, durch einen Übergang in den Neubau und anschließend mit einem Aufzug einige Stockwerke nach oben. Als sich die Türen des Aufzugs öffneten, betraten wir Regionen, von denen ich bisher überzeugt war, ich würde sie nie zu Gesicht bekommen.

Mein Chef steuerte zielstrebig ein Eckbüro an. Während wir den Gang entlang gingen, lies ich meine Blicke schweifen und bemerkte einen ungeheuren Luxus, der von Bildern, Wänden und dem Teppichboden ausging. Wenn schon der Flur so nobel ausgestattet war, was würde mich dann erst in einem dieser Büros erwarten? Diese Frage wurde mir sogleich beantwortet, denn Herr Berlaid öffnete die Türe des Eckbüros. Selbstbewusst begrüßte er meinen heutigen Gastgeber.

»Guten Morgen Herr Dr. Swanbal, danke dass Sie sich für meinen Mitarbeiter Zeit genommen haben. Das hier ist Herr Thiersen, wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe.«

»Guten Morgen Herr Berlaid, guten Morgen Herr Thiersen. Für Interessenten an der Arbeit im Management nehme ich mir sehr gerne Zeit. Setzen Sie sich doch, Herr Thiersen«, bot mir der Manager an.

Er zeigte dabei auf eine Eckgarnitur aus teurem Leder, die von einem Glastisch ergänzt wurde.

Während sich mein Chef verabschiedete, setzte ich mich auf die Couch und nahm die Ausstattung des Büros in Augenschein. Das großzügig dimensionierte Büro war mit teuren Designer-Möbeln ausgestattet, die Wände zierten Bilder bekannter Maler und der Ausblick alleine war es wert hier zu arbeiten.

»Schauen Sie sich ruhig um, dann erkennen Sie bereits ohne Erläuterungen von meiner Seite einen wichtigen Grund im Management zu arbeiten«, eröffnete mein Gegenüber das Gespräch.

»Das ist wohl wahr, diese Aussicht ist einfach fantastisch«, brachte ich meine Bewunderung zum Ausdruck. Nach einer kurzen Pause fügte ich noch hinzu: »Es scheint mir in Ihrer Position aber auch wichtig zu sein, sich am Arbeitsplatz wohl zu fühlen. So vermute ich, Sie verbringen einen Großteil ihres Tages in diesen Gefilden.«

»Sie wollen also direkt mit den herausfordernden Fragen einsteigen. Das gefällt mir, Sie kommen gleich zum Thema. Diese Eigenschaft werden Sie in Ihrem künftigen Berufsumfeld benötigen. Allerdings trifft Ihre Vermutung bezüglich der Arbeitszeiten nicht die Wahrheit. Es gibt durchaus Tage an denen ich nach Hause komme wenn meine Frau schon schläft, doch ist das sicherlich nicht der Alltag. Ebenso darf ich des Öfteren die Welt erkunden, wenn Konferenzen anstehen bleibt meist noch etwas Zeit die fremde Stadt zu erkunden.«

»Vielen Dank, Herr Dr. Swanbal, für Ihre ehrliche Antwort. Wie ich Ihren Ausführungen entnehme sind Sie sehr zufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen. Nun habe ich jedoch noch kein Bild von Ihren Aufgaben in diesem Unternehmen.«

»Natürlich, eine sehr berechtigte Frage«, pflichtete mir der Manager in verdächtig freundlichem Ton bei, um anschließend mit seiner Ausführung zu beginnen: »Ich bin für die strategische Planung des Produktportfolios zuständig. Meine Aufgabe besteht, grob umrissen, daraus einen Fahrplan für unsere Dienstleistungen zu erstellen. Dazu habe ich Zugriff auf verschiedene Umfragen und marktspezifische Untersuchungen. Daraus entnehme ich was unsere Kunden in den nächsten Monaten und Jahren wünschen. Es ist eine sehr herausfordernde und spannende Aufgabe. Man muss immer am Puls der Zeit bleiben und darf keine Veränderung verschlafen.«

Die Redeflut und der Unterton meines Gegenüber brachten mich zum Zweifeln an seinen Aussagen. Dennoch wollte ich das Thema vertiefen.

»Das hört sich durchaus interessant an. Bei diesem Umfang an Aufgaben wird Ihr Einfluss auf die Strategie des Unternehmens sicherlich groß sein?«, fragte ich den Manager.

»Leider kann ich hier nicht klar mit ja oder nein antworten. Natürlich gebe ich Impulse und berate Vertrieb und Entwicklung. Jedoch betreffen meine Ausführungen nicht direkt die Mitarbeiter. Alles was ich tue und sage wird durch andere Bereiche des Managements gefiltert und bewertet. Natürlich haben meine Aussagen Gewicht und meine Kollegen im Management schätzen meine Arbeit sehr, weshalb ich durchaus für einen Wechsel der Strategie verantwortlich sein kann. Dabei ist durchaus Möglich, dass aufgrund meiner Empfehlung Arbeitsplätze wegfallen oder neu geschaffen werden.«

»Gibt es auch Situationen, in denen Sie persönlich über Mitarbeiter entscheiden?«

»Nein, ich stehe keinem Bereich direkt vor. Bei meiner Position handelt es sich daher um eine reine Stabsstelle. Allerdings pflege ich sehr gute Beziehungen zu den anderen Mitarbeitern im Management. Daher kann ich sehr wohl Einfluss nehmen, sollte ich der Meinung sein, eine Schlüsselposition sei falsch besetzt«, kläre mich Herr Dr. Swanbal auf.

»Wie mir scheint ist die Vernetzung innerhalb des Managements sehr gut und sehr wichtig. Macht das den Reiz dieser Position aus?« wollte ich wissen.

»Das ist eine sehr gute Frage. Ohne Zweifel müssen Sie in meiner Position ein Team-Player sein. Nur gemeinsam mit dem Rest des Managements können Sie solch ein großes Unternehmen erfolgreich führen. Daher ist meine Argumentation in jedem Meeting sehr gut vorbereitet. Das schafft Vertrauen und damit die Möglichkeit wirklich Einfluss zu nehmen«, führte der Manager aus.

»Ihren Ausführungen zur Folge treffen Sie zwar keine direkten Entscheidungen, geben aber durchaus Empfehlungen ab. Der Einfluss, den Sie dabei nehmen können, ist nicht unerheblich. Daher würde mich ein Abriss über den Prozess Ihrer Meinungsfindung interessieren.«

»Selbstverständlich, wenn Sie in meine Fußstapfen treten, müssen Sie schließlich wissen, was Sie erwartet. Daher geben ich Ihnen gerne Auskunft. So sollten Sie zunächst bedenken, dass wir nur Umsatz generieren können, wenn wir Produkte verkaufen. Sind unsere Abnehmer zufrieden, da wir genau das liefern was sie wünschen, so werden sie sicherlich wieder bei uns kaufen. Es ist daher sehr wichtig die Wünsche der Kunden zu kennen und zu berücksichtigen. Damit ist die Meinung der Kunden die wichtigste Basis für meine Empfehlungen. Keine Sorge, Sie müssen nicht jeden Tag mit unzähligen Einkäufern unserer Kunden telefonieren. Für diese Aufgabe haben wir speziell Personal eingestellt. Dieses liefert Ihnen bereits gut aufgearbeitetes Material. Nun heißt es noch, die Trends des Markts zu kennen und schon können Sie fundierte Empfehlungen für die Strategie des Unternehmens erstellen.«

»Halten Sie regelmäßig Rücksprache mit den Mitarbeitern des Unternehmens, um heraus zu finden welche Probleme beim Umsetzen von Kundenwünschen auftreten können?«

»Wissen Sie, die Mitarbeiter sehen immer nur das Schlaglicht ihrer aktuellen Arbeit. Sie haben keinen Blick auf das große Ganze. Ihnen fehlt die Weitsicht. Dennoch sind sie das Kapital unseres Unternehmens, denn sie stellen unsere Produkte her«, wich Herr Dr. Swanbal meiner Frage aus.

»Bei letzterer Aussage stimme ich Ihnen voll und Ganz zu. Zu Bedenken gilt es jedoch, dass viele Mitarbeiter über den Tellerrand der ihnen aufgetragenen Arbeit hinaus blicken. Damit können sie wichtige Hinweise zu Entwicklungen und Trends in der Branche geben«, erwiderte ich.

Diese Aussage machte Herrn Dr. Swanbal sichtlich nervös. Er rang um eine Antwort, holte mehrmals Luft, stockte dann jedoch. Mir war die Situation peinlich, denn ich wollte den Manager nicht in Erklärungsnot bringen. Außerdem fürchtete ich, eine unangebrachte Frage gestellt zu haben, was einen schlechten Eindruck hinterlassen würde. Ich überlegte schnell, wie ich die Situation noch retten konnte. Immerhin saß ich einem sehr einflussreichen Mann gegenüber.

»Bei genauerer Betrachtung Ihrer vorherigen Argumentation muss ich meine Frage zurück ziehen. Sie haben ja bereits Ihre Gründe erläutert«, klärte ich diese unangenehme Situation.

Sicherlich erleichtert sagte Herr Dr. Swanbal: »Wissen Sie Herr Thiersen, meine Argumentation mag sich Ihnen nicht sofort erschlossen haben, da wir bisher nur die graue Theorie betrachtet haben. Gerne zeige ich Ihnen meine Arbeit an einem konkreten Beispiel. Anschließend werden Sie meine Wege zur Entscheidungsfindung besser verstehen.«

Allzu viel Sinn sah ich zwar nicht in diesem Vorschlag, da ich den Job ohnehin nicht machen wollte. Dazu hatte mich das bisherige Gespräch mehr gelangweilt als informiert. Dennoch stimmte ich dem Vorschlag zu. Schon alleine aus Angst den Manager zu verärgern.

»Sehr gerne nehme ich Ihr Angebot an. Aus der Praxis heraus ergibt sich mit Sicherheit eine ganz neue Sicht auf Ihre Arbeit«, log ich mein Gegenüber an.

»Selbstverständlich, da haben Sie vollkommen Recht«, pflichtete mir Herr Dr. Swanbal bei.

Er erhob sich vom Sofa und bat mich zum Schreibtisch.

»Ich habe für heute extra einen zweiten Büro-Stuhl kommen lassen. Sie müssen also nicht stehen, sondern können angemessen Platz nehmen«, teilte er mir mit.

Während ich Platz nahm, entsperrte mein Gastgeber seinen Rechner und holte aus einer Schublade ein paar Ausdrucke, die er mir reichte.

»Sie halten die Ergebnisse unserer letzten Umfrage unter unseren größten Kunden in den Händen. Dort finden Sie jeweils zunächst die gestellte Frage, um anschließend einen Einblick über die Antworten zu bekommen. Mehr werde ich Ihnen vermutlich gar nicht erklären müssen. Ich bin mir sicher Sie werden schon bald die Aussage der Umfrage erfasst haben«, fügte er erklärend hinzu.

Ich nickte mit dem Kopf, um meinem Gastgeber Zustimmung zu signalisieren und warf anschließend einen Blick auf die Ausdrucke. Leider fehlte mir jedoch die Zeit, den Papieren einen Sinn abzuringen, denn schon lenkte Herr Dr. Swanbal meine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm seines Rechners. Dort waren unfassbar viele Zahlen in einer riesigen Tabelle dargestellt, die mir der Manager im Eiltempo erklärte. Da ich seinen Ausführungen nicht folgen konnte, konzentrierte ich mich darauf, zu bekannten Stichworten möglichst viele Fragen zu stellen. Die Antwort bestand jedes Mal aus einem Bombardement aus Informationen. Eine kleine Verschnaufpause schaffte nur ein eingehender Anruf, den mein Gastgeber nach Rücksprache auf den Lautsprecher schaltete. Anschließend folgte erneut ein Exkurs über Zahlen, Umfragen und Interpretationen. Da ich auch dieses Mal nicht folgen konnte, überkam mich mit der Zeit eine große Müdigkeit. Ich stellte weniger Fragen und musste mir das Gähnen mühsam verkneifen. Daher war ich heil froh, als die Mittagszeit anbrach.

»Durch Ihre aufmerksame Art, haben Sie sicherlich bereits einen tiefen Einblick in meine Arbeit erhalten. Bevor ich Sie jedoch aus meiner Obhut entlasse, möchte ich Sie, passend zur Uhrzeit, zum Essen ins Restaurant einladen«, bot mir Herr Dr. Swanbal an.

Sofort stimmte ich dem Vorschlag zu. Besser als hier am Schreibtisch einzuschlafen war es allemal.

Mit dem Aufzug ging es in den obersten Stock des Hochhauses, das weit über die Dächer der Stadt ragte. Dort ermöglichte eine raffinierte Anordnung der Tische die freie Sicht auf die Stadt von jedem Platz aus. Allzu lange konnte ich den Ausblick jedoch nicht genießen, denn schon wurde die Speisekarte gereicht. Dabei war ich überrascht von der gebotenen Vielfalt. Von einfachen Gerichten wie Schnitzel mit Pommes Frites über eine Suppe mit Miesmuscheln bis hin zu Hummer gab es für jeden Geschmack das passende Angebot.

Da ich Experimente in meiner Situation für unangebracht hielt, bestellte ich Jägerschnitzel mit Klößen. Herr Dr. Swanbal schien sichtlich erstaunt über meine zurückhaltende, konservative Bestellung zu sein, verkniff sich allerdings einen Kommentar.

Während wir auf die Lieferung des Essens warteten, schweiften meine Blicke durch den Raum. Dabei wurde mir der Luxus bewusst, den Mobiliar und Dekoration ausstrahlten. Nun begriff ich die Verwunderung meines Gegenüber. In der Welt der Manager musste alles vom Feinsten sein. Da passte Jägerschnitzel einfach nicht hinein. Auf der Karte stand es daher wohl eher als Platzhalter, denn als ernsthaftes Angebot. Irgendwie fühlte ich mich hier deplatziert. Ich war zu normal für diesen Ort. Viele leere Worte zu machen und Hummer zu essen, das war also die Welt der Mächtigen. Vielleicht hatte Felix recht, so mächtig schien mir Herr Dr. Swanbal nicht zu sein. Wobei er durch seine Beziehungen eine ganze Menge zu Bewegen schien. Konnte man ihn also doch als mächtig bezeichnen? In Gedanken versunken blickte ich aus dem Fenster. Meinem Gastgeber schien das Schweigen jedoch nicht zu behagen. Er versuchte sich in ein wenig Small-Talk.

»An solch einem klaren Tag ist die Aussicht von hier oben besonders schön, finden sie nicht Herr Thiersen?«

»Die Aussicht ist wirklich fantastisch. Man kann über die ganze Stadt blicken«, entgegnete ich.

Meine Gedanken waren dabei an einem ganz anderen Ort. Statt über die Aussicht sinnierte ich über Macht, Manager und viele Gründe diesen Job abzulehnen. Meinem Gegenüber schien das jedoch herzlich egal zu sein. Er führte das Gespräch einfach fort.

»Sehr schön finde ich vor allem, dass wir auf unsere Konkurrenz hinab blicken.«

Da ich seine Worte gar nicht wahrnahm, nickte ich einfach nur zustimmend.

»Als wir das Gebäude planten, boomte der Markt. Leider ist das Geschäft seither zurück gegangen. Uns geht es aber immer noch gut. So konnten wir im letzten Quartal ganze 200 neue Stellen schaffen. Der Umsatz stieg knapp im zweistelligen Prozentbereich, was in der heutigen Zeit wirklich beachtlich ist«, klärte mich mein Gastgeber über die Bilanz des Unternehmens auf.

Wieder nickte ich nur zustimmend.

Meinem Gegenüber schien mein Desinteresse an seinen Ausführungen weiterhin nicht zu bemerken. So begann er einen Monolog, in dem er unablässig Zahlen, Daten und Fakten zum Unternehmen aufzählte. Seine Redeflut endete erst, als unser Essen verspeist war. Bevor er sich von mir verabschiedete hatte er noch eine Überraschung parat.

»Um Ihnen zu ermöglichen erste Kontakte zu knüpfen würde ich Sie nächste Woche gerne mit auf eine Konferenz nehmen. Dort lernen Sie allerdings nicht nur viele bekannte Größen aus der Software-Branche kennen, Sie lernen ebenso einen sehr angenehmen Aspekt der Arbeit in meiner Position kennen.«

»Sehr gerne nehme ich diese Einladung an«, gab ich von mir, ohne die Tragweite meiner Zusage wirklich begriffen zu haben.

»Das freut mich sehr, Sie werden diese Entscheidung nicht bereuen. Ebenso werden Sie es nicht bereuen ins Management aufzurücken.«

Er verabschiedete sich noch mit knappen Worten und verschwand in Richtung Aufzug. Ich folgte Ihm mit großzügigem Abstand. Auf dem Weg nach unten wurde mir bewusst, dass ich schon fest auf der Position von Herr Dr. Swanbal verplant war. Damit würde es kein einfaches Unterfangen werden, aus der Nummer heraus zu kommen. Wobei ich mich fragte, warum der Kerl seinen Job überhaupt so dringend los werden wollte. Eine Begründung fand ich zwar nicht, dafür jedoch eine zweite Überraschung. Als ich mein Büro betrat, fand ich Karin und Claus eng umschlungen auf ihrem Schreibtisch sitzend vor. Claus drückte ihr sanft einen Kuss auf die Wange während sich seine Hände im Dekolletee der weit aufgeknöpften Bluse bewegten. Sie schienen so sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, dass sie mich zunächst gar nicht bemerkten. Ich schloss geräuschvoll die Türe hinter mir und betrachtete die Szene. Im ersten Moment verstand ich auch noch gar nicht, was hier vor sich ging. Das Bild, das sich mir bot, musste erst seinen Weg durch die Windungen meines Gehirns finden. Am Ziel angekommen wurden meine Gedanken dann noch sortiert und interpretiert, bevor ich endlich begriff was hier gerade passierte. Ich räusperte mich laut, um mir Aufmerksamkeit zu verschaffen. Aufgeschreckt blickten mich die beiden an.

»Claus! Was machst du da?« entfuhr es mir.

»Ich, ähm, ich...«, versuchte sich Claus zu erklären, während er sich von Karin löste.

»Es war meine Schuld«, nahm Karin ihren Kollegen in Schutz.

»Mir ist eigentlich ziemlich egal, wer hier Schuld hat. Du bist verheiratet, Karin!« musste ich meinem Unmut Luft machen.

»Solltest du nicht auf einem Workshop sein?« ging Claus in den Angriff über.

»Der ist zum Glück schon vorbei, sonst hätte ich diese Katastrophe wohl nicht mehr verhindern können«, gab ich zurück.

»Streitet euch nicht, es war wirklich meine Schuld«, beharrte Karin auf ihrer Aussage und ließ auch gleich eine Erklärung folgen: »Ich wollte Claus eigentlich nur ein paar Fragen stellen und als er so liebevoll vor mir stand überkam es mich.«

»Puh, naja, dann bin ich ja froh, dass ich rechtzeitig gekommen bin. Wer weiß, was sonst mit deiner Ehe passiert wäre.«

Karin schaute betroffen auf die Tischplatte, während Claus an seinen Schreibtisch zurückkehrte.

»Wir sind alle nur Menschen und wir machen alle Fehler. Wichtig ist nur, dass wir daraus lernen«, versuchte ich die Laune meiner Kollegen etwas zu bessern.

So wirklich gelang mir das jedoch nicht, denn es trat beklemmendes Schweigen ein. So blieb mir nur zu hoffen, dass sich die Stimmung mit der Zeit aufhellen würde und schon bald wieder das sonst übliche freundschaftliche Miteinander möglich war. Danach sah es auch aus, denn zum Abschied hatte Karin schon wieder einen netten Gruß für uns Beide auf den Lippen. Umso überraschter war ich, als uns Karin am nächsten Tag ihre unerwartete Entscheidung mitteilte.

»Ich dachte nicht, jemals so etwas tun zu müssen, doch sehe ich keine andere Möglichkeit. Ich habe heute morgen beantragt in eine andere Abteilung versetzt zu werden«, eröffnete sie uns.

Während ich diese Aussage erst einmal verdauen musste, war Claus erstaunlich gefasst.

»Karin, ich verstehe ja, dass du die Ereignisse möglichst rasch hinter dir lassen möchtest, aber ich finde das wirklich eine Überreaktion. Ich meine wir sind jetzt schon wirklich lange zusammen und hatten nie Probleme. überlege es dir doch bitte noch einmal«, versucht er unsere Kollegin umzustimmen.

»Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht. Vielleicht sind wir auch schon zu lange zusammen in einem Büro. Auf jeden Fall ist meine Entscheidung gefallen und ich werden den Antrag nicht mehr zurück ziehen.«

»Ich finde diese Entscheidung sehr schade, kann sie auf der anderen Seite jedoch gut verstehen«, versicherte ich meiner Kollegin und fügte noch hinzu: »Um den Abschied etwas hinaus zu zögern würde ich mich freuen, wenn wir uns zumindest in der Mittagspause ab und an treffen könnten.«

»Wir werden sehen. Eigentlich wollte ich mit meinen neuen Kollegen essen gehen, damit ich sie schneller kennen lerne«, kündigte Karin an.

Claus holte daraufhin tief Luft, vermutlich um unschöne Worte von sich zu geben. Er reagierte jedoch auf meinen bösen Blick und schluckte seinen Unmut hinunter. So blieb mir Gelegenheit ein paar besänftigende Worte an Karin zu richten.

»Das kann ich gut verstehen«, pflichtete ich ihr bei.

Eigentlich hoffte ich, mit meinen Worten die Situation beruhigen zu können. Statt einem normalen Büro-Alltag vergruben sich alle jedoch hinter ihrem Monitor und gingen Schweigend ihrer Arbeit nach. Erst als sich Karin verabschiedet hatte, musste sich Claus Luft verschaffen.

»Ich finde Karin übertreibt es total. Sie könnte ja ruhig noch mit uns reden«, brach es aus ihm heraus.

»Ich kann sie durchaus verstehen. Sie muss sich und ihre Familie in Zukunft vor solchen Zwischenfällen schützen.«

»Dann hätte sie sich besser überlegen sollen wen sie heiratet. Wenn bei ihr in der Beziehung alles super laufen würde, dann wäre sie bestimmt nicht so über mich hergefallen.«

»Ich kann und will nicht beurteilen was gestern hier los war. Vermutlich ist eine Situation entstanden in der Karin ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle hatte. Eine Wiederholung möchte sie um jeden Preis verhindern, das kann ich durchaus nachvollziehen.«

»Nur bestraft Karin mit ihrem Verhalten ja nicht nur mich, sondern du leidest ja auch darunter, obwohl du direkt gar nichts damit zu tun hast«, beschwerte sich Claus.

»So ganz unschuldig war ich ja nicht. Immerhin kam ich gerade rechtzeitig ins Büro um den Vorfall zu klären«, gab ich zu bedenken.

»Gerade noch rechtzeitig? Du hättest dir ruhig eine halbe Stunde mehr Zeit lassen können, dann wäre die Nummer gelaufen gewesen. Wir hätten unseren Spaß gehabt und niemand würde sich mehr darum kümmern«, beschwerte sich mein Kollege.

»Bisher war mein Bild von dir durchaus positiv, Claus. Geht es allerdings um Sex, scheinst du jegliche Moralvorstellung über Bord zu werfen.«

»Ach Alexander, du hast einfach keine Ahnung von Frauen. Die sind auch nicht so sauber wie sie dir immer glaubend machen wollen. Im Endeffekt denken die auch immer nur an das Eine.«

»Ich mag zwar kein Frauenversteher sein, deine Aussage ist aber trotzdem quatsch. Zumindest Karin ist eine sehr verantwortungsvolle Person.«

Da Claus wohl kein Interesse an einer langen Diskussion hatte, murmelte er etwas vor sich hin und verstummte für den restlichen Tag. Erst zum Feierabend wandte er sich wieder mir zu.

»Na du bist ganz schön hart im Nehmen. Erst der Workshop heute morgen und jetzt noch ordentlich Überstunden.«

»Es gibt da noch einen Fehler, den ich noch beheben will. Allerdings hält der sich ziemlich hartnächig. Ich habe aber schon eine Idee, wie ich ihn los werde. Wenn ich damit durch bin, machte ich auch Feierabend«, erwiderte ich.

»Na dann noch ein frohes Arbeiten«, verabschiedete er sich von mir.

Vertieft in die Arbeit, bemerkte ich gar nicht, wie die Zeit verging. Erst am späten Abend schaltete ich meinen Rechner aus. Gerade als ich zu meiner Jacke griff, öffnete sich die Bürotüre. Zu meiner Überraschung betrat Felix den Raum.

»Hallo Alex, ich wollte auf dem Weg nach Hause noch schnell vorbei schauen. Wie war dein Besuch beim Swanbal?« eröffnete er mir.

»Hi Felix, was machst du um diese Uhrzeit denn noch hier?« antwortete ich mit einer Gegenfrage.

»Ich wollte dich nicht bei der Arbeit stören, daher bin ich bis jetzt hier geblieben.«

»Tut mir leid, wenn ich deinen Worten nicht ganz folgen kann. Wenn ich es richtig verstanden habe, war dir klar, dass ich gerade aufbrechen wollte. Nur, woher solltest du das wissen?«

»Mach dir darum keinen Kopf, Alex. Erzähl mir lieber, wie es im Reich der Manager war.«

»Dort gab es verschwenderischen Luxus und viel heiße Luft um nichts«, fasste ich meine Erfahrungen zusammen.

»Wie mir scheint hast du immer noch keinen Bock auf den Job im Management.«

»Na ja, der Blick aus dem Büro von Herr Dr. Swanbal war schon super. Alleine dafür wäre es fast eine Überlegung wert den Job anzunehmen.«

»Das meinst du jetzt nicht wirklich ernst«, fragte Felix mit besorgter Mine.

»So ein bisschen frage ich mich schon, warum du mir den Aufstieg ins Management unbedingt ausreden willst«, bemerkte ich.

»Es gibt einen Grund. Den wirst du aber erst verstehen, wenn du weißt, was es bedeutet Macht zu besitzen.«

»Dieser Frage werde ich nächste Woche weiter nachgehen. Herr Dr. Swanbal möchte mich auf eine Konferenz mitnehmen. Ich bin schon sehr gespannt, was mich dort erwartet«, eröffnete ich meinem Gegenüber.

»Auf jeden Fall kannst du dort mit deiner Hausaufgabe weiter machen«, meine Felix.

»Welche Hausaufgabe denn?« wollte ich wissen.

»Gerade hast du sie selbst erwähnt. Du sollst herausfinden, was es mit der Macht auf sich hat.«

»Das hatte ich mehr aus Herausforderung und nicht aus Aufgabe angesehen. Da mich das Treffen mit Herr Dr. Swanbal nicht viel weiter gebracht hat, wäre die Konferenz tatsächlich eine zweite Chance.«

»Das ist eine gute Einstellung. Versuche dort möglichst viele Kontakte zu knüpfen. Mehr Tipps kann ich dir leider nicht mitgeben.«

»Die Anregung nehme ich gerne auf. Allerdings wundert mich deine Einstellung zur Konferenz. Sonst hast du ja immer versucht mich von Veranstaltungen des Managements fernzuhalten.«

»Eigentlich liegt das nur daran, dass du ein wenig Abwechslung brauchen kannst. Mir geht es übrigens ganz ähnlich, bei mir sorgt eine Fortbildung in den nächsten Tagen für frischen Wind. Du hast also ein wenig Ruhe vor mir. Genau darum muss ich jetzt aber los, meinen Koffer packen.«

Ich schloss mich Felix an und ging in den überfälligen Feierabend. Nach solch einem langen Arbeitstag kam ich am nächsten Morgen etwas später als üblich ins Büro. Somit war es für mich nicht verwunderlich, dass Karin bereits dort war. Verwunderlich war lediglich, dass sie damit beschäftigt war, Umzugskartons zu packen.

»Manchmal geht es tatsächlich schneller als gedacht. Ich habe heute meinen neuen Platz zugewiesen bekommen. Dort werde ich schon heute anfangen«, erklärte mir Karin.

Da ich zunächst nicht wusste, was ich auf diesen Schock antworten sollte, war ich ganz froh, dass mein Gesichtsausdruck die Bestürzung schon zur Genüge zum Ausdruck brachte. Zumindest fügte meine Kollegin noch einige Worte hinzu.

»Ich weiß, es ist sehr schade. Wir waren ein gutes Team und ich habe gerne mit euch zusammen gearbeitet. Außerdem bin ich dir zu viel Dank verpflichtet. Immerhin hast du den Mut aufgebracht mich vor einer riesigen Dummheit zu bewahren. Nach dem Vorfall kann ich aber einfach nicht mehr mit Claus zusammen arbeiten. Das wirst du sicherlich verstehen.«

Ich setzte mich auf meinem Stuhl und wusste nicht so recht was ich sagen sollte. Das so ein Wechsel schnell gehen könnte, war mir bewusst. Nur das hier ging mir jetzt doch ein bisschen zu schnell. Irgendwie kam mir die Geschichte komisch vor. Daher beschloss ich ein paar Fragen zu stellen, auch wenn das nach den einfühlsamen Worten von Karin nicht so recht passte. So schluckte ich den Kloß in meinem Hals hinunter, um meinen Zweifeln in knappen Worten Luft zu verschaffen.

»In welcher Abteilung bist du denn in Zukunft untergebracht?« wollte ich wissen.

»Ich gehe in die Hardware-Abteilung. Da hatte ich mich schon vor einiger Zeit vorgestellt. Eigentlich wollte ich erst zum Ende unseres Projekts wechseln, doch das habe ich jetzt einfach vorgezogen«, klärte mich Karin auf, während sie weiter ihren Schreibtisch ausräumte.

»Könnte es der Zufall fügen, mag es möglich sein, dass du ein Kollege von Felix wirst«, bemerkte ich.

»Es ist ein Felix bei mir im Team, ob es dein Freund ist, kann ich aber noch nicht sagen. Das kann ich ihn aber erst nächste Woche fragen, der ist gerade auf einem Lehrgang.«

»Da musst du nicht mehr fragen. Es kann sich nur um meinen Felix handeln. Der hat sich nämlich gestern von mir verabschiedet, weil er auf eine Fortbildung ist«, erklärte ich.

Auf diese Aussage von mir reagierte Karin nicht mehr, da sie zu sehr damit beschäftigt war, ihren Umzugskarton zu packen. Da sie außer ihrem Büro-Material nicht viel zu verpacken hatte, wandte sie sich schon einen Augenblick später mir zu.

»Du könntest mir einen riesigen Gefallen tun und mir helfen den Karton an meinen neuen Arbeitsplatz zu tragen. Dann muss ich nicht lange auf den Hausmeister warten.«

Um die gemeinsame Zeit noch etwas zu verlängern stimmte ich zu. Allerdings verfluchte ich diese Entscheidung kurz darauf, da der Karton schwerer war, als vermutet. Außerdem ging Karin mit strammem Schritt voran, weshalb ich ganz außer Atem war, als wir nach längerem Fußmarsch durch unzählige Flure endlich das neue Büro von Karin erreichten. Dort angekommen verabschiedete sie sich sehr herzlich von mir. Ich kehrte in mein Büro zurück, wobei ich immer wieder auf den leeren Schreibtisch starrte. Irgendwie konnte ich es noch nicht fassen, dass Karin nicht mehr bei uns im Team war. Da war es auch keine Hilfe, als Claus das Büro betrat.

»Oh, hat Karin schon aufgeräumt. Die scheint ja auf einen schnellen Wechsel in eine neue Stelle zu hoffen«, meinte er.

»Nein, sie hat aufgeräumt, weil sie ab heute kein Mitglied mehr in unserem Team ist«, klärte ich meinen Kollegen auf.

»Was? Du willst mich doch verarschen. Das glaube ich erst, wenn es mir der Chef sagt«, entgegnete mir Claus.

Gerade als ich antworten wollte, klopfte es an der Tür. Herr Berlaid betrat den Raum und hatte eine äußerst attraktive Dame im Schlepptau.

»Guten Morgen meine Herren«, begrüßte er uns, »wie sie sicherlich schon erfahren haben, arbeitet Frau Karin Messler ab heute nicht mehr in ihrem Team. Jedoch habe ich keine Mühen gescheut, schnell einen Ersatz zu organisieren. So wird Frau Sabrina Dormass die Vakanz füllen. Sie ist schon einige Zeit bei uns im Unternehmen, daher dürfte die Einarbeitung leicht fallen. Alle weiteren Details besprechen sie aber am Besten mit ihr persönlich.«

Schon war unser Chef wieder verschwunden. So übernahm Sabrina die weitere Vorstellung selbst.

»Hallo ihr Beiden, ich bin Sabrina und schon ganz gespannt auf die Zusammenarbeit mit euch«, begrüßte sie uns in selbstbewusstem Ton.

Mit sehr zuvorkommenden Worten antwortete ihr Claus: »Wir freuen uns immer über neue Leute in unserem Team. Ich bin mir sicher, wir werden super zusammen arbeiten. Übrigens können wir den Schreibtisch gerne umstellen, wenn du ihn an einer anderen Stelle haben willst. Ach ja, das ist Alexander und ich bin Claus.«

Er sprang auf und streckte Sabrina die Hand zum Gruß aus. Während unsere neue Kollegin die freundliche Geste erwiderte, schaute er viel sagend in ihre Augen. Als mir Sabrina aus Höflichkeit auch die Hand reichte, wurde sie von Claus sehr genau gemustert.

»Es freut mich euch kennen zu lernen, jetzt muss ich aber noch einmal los, der Umzugsservice wartet in meinem alten Büro«, verkündete Sabrina und verschwand aus der Türe.

Kaum hatte sie das Büro verlassen, teilte mir Claus seine Einschätzung der neuen Kollegin mit.

»Hui, die ist aber heiß. Ich hoffe die benötigt eine sehr intensive Einarbeitung«, ließ er verlautbaren.

»Die Art der Einarbeitung solltet ihr lieber in einer eurer Wohnungen ausleben«, kommentierte ich seine Aussage.

»Wie schön, dass du mich unterstützt. Sabrina wird das sicherlich auch tun. Man, heute ist mein Glückstag. Wow, irgendwie vermisste ich Karin schon gar nicht mehr. Die Oberweite von Sabrina lässt mich alles Andere glatt vergessen.«

»Wenn ich an unseren Zeitplan denke, wäre es mir lieber, du würdest aufhören in Sabrinas Ausschnitt zu schauen und dich statt dessen mehr auf deinen Arbeit konzentrieren.«

»Komm schon Alex, wir können einen Kompromiss eingehen: Ich schau nicht mehr in ihren Ausschnitt, sondern auf ihre langen, blonden Haaren oder in die hübschen, grünen Augen.«

»Oh je, ich dachte ich hätte es mit einem erwachsenen Menschen zu tun.«

Gerade als ich das gesagt hatte, ging die Türe auf und Sabrina kam mit ihrem Notebook unter dem Arm ins Büro.

»Keine Sorge, ich bin 26 und damit erwachsen genug«, kommentierte sie meine Aussage.

»Nein, Alexander meinte nicht dich. Wir haben uns gerade über etwas anderes unterhalten.«

»So, über was habt ihr euch denn unterhalten?« fragte Sabrina spitz.

»Ich kritisierte das Verhalten eines Team-Kollegen, der seine Prioritäten entsprechend einem Jugendlichen in der Pubertät setzt«, klärte ich Sabrina auf.

»Oh, du meinst bestimmt Claus. Danke für den Hinweis, dann werde ich wohl besser etwas Abstand halten, um den Kerl nicht auf falsche Gedanken zu bringen«, erwiderte Sabrina.

Claus warf mir einen bösen Blick entgegen, der seine Wirkung voll entfaltete. So bekam ich ein schlechtes Gewissen, da ich Claus nicht so direkt angreifen wollte. Krampfhaft überlegte ich, wie ich die Situation klären konnte.

»Nein, so schlimm ist es wirklich nicht. Die Umstellung innerhalb des Teams führt eben zu Irritationen und damit zu manch unangemessenem Verhalten«, versuchte ich den Unmut von Claus abzuwenden.

»Wie wenn mich ein neues Mädel im Büro gleich komplett durcheinander bringen würde«, widersprach dieser.

»Och, Claus, du wärst nicht der Erste, dem das passiert. Ich glaube bei der Einarbeitung halte ich mich besser an Alex. Der scheint mir vernünftiger zu sein«, meinte Sabrina.

Mir passte diese Aussage überhaupt nicht. Nicht nur, dass ich wohl einige Zeit in die Einarbeitung der neuen Mitarbeiterin investieren musste, Claus war auch noch wütend auf mich. Mir kam jedoch nichts in den Sinn, das ich dazu sagen konnte. So nahm ich das Schicksal schweigend hin. Da auch Claus außer einem leisen Grummeln nichts zu sagen hatte, versank unser Büro in geschäftiger Stille. Erst am späten Nachmittag, als ich gerade Feierabend machen wollte, meldete sich Sabrina.

»Hey Alex, kannst du mir vielleicht helfen? Ich bekomme einfach keinen Zugang zum Intranet. Ich habe auch schon versucht bei der Hotline anzurufen, da ist um die Zeit aber niemand mehr da«, eröffnete sie mir.

»Ja, du musst dabei ein paar Kniffe beachten«, erklärte ich.

Sabrina räumte ihren Bürostuhl für mich und schaute mir über die Schulter, während ich mich mit ihrem Notebook beschäftigte. Claus beäugte uns kritisch, bevor er kurze Zeit später seine Sachen packte und verschwand. Er war sichtlich frustriert, dass sich Sabrina nicht an ihn wandte. So machte er seinem Unmut Luft, indem er die Türe geräuschvoll hinter sich schloss. Ich ignorierte das kindische Verhalten meines Kollegen und konzentrierte mich statt dessen auf das Problem von Sabrina. Dieses war schwieriger zu lösen als gedacht, weshalb die Lösung einige Zeit in Anspruch nahm.

»Mein Rechner scheint ja eine harte Nuss zu sein. Kann ich dir zur Motivation etwas Gutes tun und einen Kaffee holen?« fragte Sabrina nach einiger Zeit.

»Ein so freundliches Angebot kann ich nicht ausschlagen«, stimmte ich zu.

Schon war Sabrina aus der Tür, um gleich darauf mit zwei gefüllten Bechern zurück zu kommen. Als ich mich für den Kaffee bedankte, trafen sich unsere Blicke. Sabrina schaute mir tief in die Augen.

»Komm Alex, trink den Kaffee aus und dann sehen wir mal, was der Abend noch so mit sich bringt.«

Ihr Lächeln machte unmissverständlich klar, worauf sie anspielte. Diesem geballten weiblichen Charme hatte ich nicht viel entgegen zu setzen. Daher schüttete ich den Kaffee in mich hinein. Kaum war der Becher leer, wurde ich schläfrig. Ich schaffte es gerade noch, den Becher auf den Schreibtisch zu stellen, dann sackte ich auf dem Stuhl zusammen.

Ich erwachte mit höllischen Kopfschmerzen auf einer harten Liege. Mit großer Anstrengung öffnete ich die Augen, um in die Dunkelheit des Raumes zu starren. Mein Schädel drohte zu platzen, als ich versuchte, mich aufzurichten. So bliebt ich auf dem Rücken liegen und versuchte meine Gedanken zu sortieren. Während sich die Kopfschmerzen langsam legten, ordneten sich meine Gedanken zu einem Wort: Gefangen. Ich riss die Augen auf und schüttelte alle Schmerzen ab. Ich war gefangen! Schnell sprang ich auf. Dabei hatte ich meine Kräfte jedoch überschätzt. Meine Knie gaben nach, weshalb ich auf den Boden sank. Mit Mühe zog ich mich an der Liege nach oben. Schwer atmend setzte ich mich auf die harte Matratze. In meinem Zustand war an Flucht nicht zu denken. Erst recht nicht mehr, als die schwere Eisentüre der Zelle geräuschvoll geöffnet wurde. Eine Taschenlampe wurde mir mitten ins Gesicht gerichtet. Geblendet vom hellen Schein kniff ich meine Augen zusammen.

»Endlich ist der Kerl wach. Ich dachte schon, das wird gar nicht mehr«, vernahm ich eine Stimme.

»Selbst wenn, der ist doch noch total fertig. So können wir den unmöglich zum Chef bringen«, antwortete ein zweiter Kerl.

»Warum nicht? Wenn der Chef mit ihm durch ist, wird es ihm sowieso noch schlechter gehen«, erwiderte der Andere.

»Hey, du bist immer zu einem Scherz aufgelegt. Folter ist bisher nicht angeordnet, der Chef muss was Spezielles mit ihm vor haben.«

»Ob speziell oder nicht, ich hab kein Bock mehr noch länger zu warten. Wir nehmen den Typen jetzt einfach mit.«

Zwei mächtige Arme packten mich und schleppten mich aus der Zelle. Ich wurde durch unzählige Flure geführt, bis wir einen unscheinbaren Raum erreichten, der als Besprechungsraum eingerichtet war. Dort wartete ein ganz in Schwarz gekleideter, groß gewachsener Mann auf mich.

»Nimm Platz, Alexander«, bot er mir in freundlichem Ton an.

Dem Angebot folgend setzte ich mich auf den nächst besten Stuhl. Der unbekannte Mann fuhr sich schnell durch die silbergrauen Haare, als ob er seine Frisur zurecht machen wollte. Anschließend setzte er sich mir gegenüber an den großen Tisch.

»Wie schön, dass wir uns nun persönlich kennenlernen. So ist die Zeit reif, dich in mein Team aufzunehmen. Ich hoffe, du weißt diese Ehre zu schätzen.«

Ungläubig schaute ich meinem Gegenüber ins Gesicht. Was wollte dieser Kerl eigentlich von mir? Von welchem Team sprach er? Sollte ich in Zukunft etwa für ihn arbeiten?

»Wie mir scheint, bist du unvorbereitet zu unserem Treffen gekommen. Das gefällt mir gar nicht. Da ich dich jedoch gut gebrauchen kann, verzichte ich heute mal auf die verdiente Strafe.«

Die Augen meines Gegenüber funkelten in knalligem Rot, um seinem Unmut Nachdruck zu verleihen. Dennoch erklärte er in ruhigem Ton, worum es ihm ging.

»Wie du eigentlich wissen solltest, arbeitest du in Zukunft als Spion für mich. Eine größere Ehre, als Teil der Mannschaft des mächtigen Mr. Triple-B zu sein, gibt es nicht. Das sollte dir immer bewusst sein.«

Die Worte meines Gegenüber verfehlten komplett ihr Ziel. Statt einer Aufklärung der Situation hatte ich jetzt noch weniger Ahnung, um was es ging. Weder war mir dieser Mr. Triple-B ein Begriff, noch bezweifelte ich, einen sinnvollen Spion abzugeben. Meine andauernde Irritation musste ich dabei gar nicht in Worte fassen, sie war allzu gut in meinem Gesichtsausdruck abzulesen.

»Ja, ja, du wartest auf deinen ersten Auftrag. Solch eine Motivation mag ich. Daher will ich dich nicht länger auf die Folter spannen. Obwohl ich Folter eigentlich ganz gerne mag«, mein Gegenüber grinste hämisch bei diesem Wortspiel. Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr: »Gut, deine erste Mission ist einfach: Finde heraus wo der Maulwurf wohnt.«

»Der Maulwurf?« fragte ich noch mehr verwirrt.

Der Kerl ging aber gar nicht mehr auf meine Frage ein.

»Was sitzt du hier noch herum? Los, an die Arbeit!« brüllte er mich an.

Zögerlich stand ich auf. Ich überlegte kurz, ob ich noch eine Frage stellen sollte. Dazu kam es allerdings nicht mehr, denn einer der Wachen schob mich aus dem Raum.